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B. Normative Bedeutung der Unteilbarkeit in der V. Republik: Eine „Föderation, die sich verkennt“

Citer : Madeleine Lasserre, 'B. Normative Bedeutung der Unteilbarkeit in der V. Republik: Eine „Föderation, die sich verkennt“, ' : Revue générale du droit on line, 2026, numéro 70088 (www.revuegeneraledudroit.eu/?p=70088)


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B. Normative Bedeutung der Unteilbarkeit in der V. Republik: Eine „Föderation, die sich verkennt“1

In Abgrenzung zu einer meta-normativen Funktion2 des Verfassungsprinzips der Unteilbarkeit der Republik, kann auch eine normative Rolle des Prinzips festgemacht werden. Um zu klären, inwiefern das Unteilbarkeitsprinzip diese normative Funktion noch erfüllt, muss zunächst erklärt werden, was Normativität in Abgrenzung zur sozialen bzw. integrativen Funktion der Verfassung bedeutet (I.).3 Welche Rolle Verfassungsprinzipien im Verfassungssystem wahrnehmen und wie diese veränderbar sind, kann dabei Aufschluss über die Grenzen zwischen normativer und sozialer Verfassungswirkung geben.4 Zu klären ist auf Grundlage dieser Definition der abstrakten Normativität von Verfassungsprinzipien, welche konkrete normative Bedeutung dem Prinzip der Unteilbarkeit zuzuschreiben ist. Dies ist im Wege einer Analyse der bereits erfolgten und künftig absehbaren Einschränkungen des Rechtsbegriffs der Unteilbarkeit zu ermitteln.

Beginnend in der IV. Republik wird die Unvereinbarkeit der seit der ersten Republik prävalenten Auslegung von Einheit und Unteilbarkeit mit der Realität in den Überseekörperschaften offensichtlich.5 Dennoch beteuert Marc Lauriol im Jahr 1958 im Beratungskomitee zur Einführung der neuen Verfassung: „[D]ie Republik ist in all ihren Gebieten einheitlich und unteilbar: ob in Lille, Bastia, Bordeaux oder Straßburg, alle sprechen dieselbe Sprache, überall wird dasselbe Recht angewandt, alle sind denselben Gesetzen unterworfen.“6 Welche Rechtfertigung gibt es jedoch für die Aufnahme der Unteilbarkeit an dieser prominenten Stelle der Verfassung? Verbleibt dem Prinzip trotz seiner unbegrenzten Einschränkbarkeit,7 der bereits erfolgten Begrenzungen durch Verfassungsänderungen und den Conseil constitutionnel (V.) und dem Zusammenspiel mit anderen Verfassungsprinzipien (IV.) noch ein eigener normativer Restgehalt?

  1. Vgl. schon: Michalon Revue du Droit Public 1982 (623), wo es lautet « une fédération qui s’ignore ». [↩]
  2. Vgl. hierzu im Detail unten, Punkt C. [↩]
  3. Vgl. Obermeyer, Integrationsfunktion der Verfassung und Verfassungsnormativität. Die Verfassungstheorie Rudolf Smends im Lichte einer transdisziplinären Rechtstheorie, 2008, S. 11f.; Mohnhaupt/Grimm, Verfassung, 1995, S. 140; Grimm Leviathan 2004, 448 (448). [↩]
  4. Vgl. hierzu Grimm Leviathan 2004, 448 (448–449). [↩]
  5. Vgl. Koç, La concession d’un pouvoir législatif aux collectivités territoriales par le pouvoir central, ou les prémices d’une métamorphose de la République., http://res-juridica-fr.over-blog.com/2018/05/le-pouvoir-legislatif-des-collectivites.html; und Chicot plc 2000, 175 (176). [↩]
  6. „L’unité, c’est l’uniformité, c’est-à-dire la République une est indivisible où que ce soit : à Lille, à Bastia, à Bordeaux ou à Strasbourg, on parle la même langue, on applique le même droit et tout le monde est soumis à la même règle“ vgl.: Maus/Passelecq, Témoignages, 104; ebenfalls zitiert in: M. Lasserre in Sydow (Hrsg.), Französisches Verfassungsrecht im 21. Jahrhundert, 2022, S. 23 (43). [↩]
  7. Vgl. dazu oben, Teil I. [↩]

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About Madeleine Lasserre

Madeleine Lasserre absolvierte eine Cotutelle-Promotion zum französischen Verfassungsrecht an der Universität Münster sowie an der Université Paris Nanterre. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für internationales und vergleichendes öffentliches Recht der Universität Münster.

Madeleine Lasserre

Madeleine Lasserre absolvierte eine Cotutelle-Promotion zum französischen Verfassungsrecht an der Universität Münster sowie an der Université Paris Nanterre. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für internationales und vergleichendes öffentliches Recht der Universität Münster.

Inhaltsübersicht

  • Zusammenfassung
  • Vorwort
  • Einleitung
  • A. Entwicklung der Unteilbarkeit im Laufe der Verfassungsgeschichte von der Antike bis zur IV. Republik – Einordnung des historischen Diskurses
    • I. Ursprung der Unteilbarkeit von der Antike bis ins Mittelalter: Vereinbarkeit von (Rechts-) Pluralismus und Unteilbarkeit
    • II. Weiterentwicklung der Unteilbarkeit im 16. Jahrhundert: Unteilbarkeit der Krone und Zentralismus
    • III. Wandel der Unteilbarkeit durch die Revolution und die konstitutionelle Monarchie: Verfestigung eines Zentralismusgedankens
    • IV. Republikanische Unteilbarkeit: Unteilbarkeit als „Essenz der republikanischen Verfassung“
    • V. Stärkung eines republikanischen Prinzips im Kaiserreich? – Napoleon und die Einheit der Republik
    • VI. Interpretation bei seiner Übernahme in die Verfassungen
    • VII. Zwischenergebnis: der Status quo vor der Verfassung von 1958
  • B. Normative Bedeutung der Unteilbarkeit in der V. Republik: Eine „Föderation, die sich verkennt“
    • I. Normative Funktion der Verfassungsprinzipien
    • II. „Mythos“ einer normativen Wirkkraft der Unteilbarkeit: Frankreich zwischen Einheits- und Föderalstaat
    • III. Vorfrage: Anknüpfungspunkt der Unteilbarkeit aus rechtsvergleichender Perspektive – Republik, Staat, Nation, Staatsgewalt
    • IV. Zusammenspiel mit anderen Verfassungsprinzipien
    • V. Ausgangspunkt: Dezentralisierungsbestrebungen als Ausgangspunkt für normative Abweichungen durch Exekutivhandeln in den Gebietskörperschaften
    • VI. Einschränkungen der drei Teilgebiete der Unteilbarkeit
    • VII. Zwischenergebnis: die verbleibende normative Bedeutung der Unteilbarkeit
  • C. Meta-normative Bedeutung des Unteilbarkeitsprinzips: Integration als soziale Wirkung von Einheitsstaatlichkeit
    • I. Zwei Integrationsdimensionen des Unteilbarkeitsprinzips
    • II. Integration als Ziel des Unteilbarkeitsprinzips
    • III. Verfassungsintegration durch das Prinzip der Unteilbarkeit: Die Unteilbarkeit als DNA der Verfassung
    • IV. Ausblick: Ein Rückgriff auf den Ursprung des Unteilbarkeitsprinzips
  • Ergebnis
  • Résumé : Indivisibilité dans la constitution de la Vème République – Vers un fédéralisme français
  • Abkürzungen
  • Literaturverzeichnis

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